Der Streik

Der Streik

Eine Geschichte zum 1. Mai, geschrieben von unserer Schülerin Johanna Pfitzner (damals 8. Klasse):

Und wieder einmal war ein langer Fabriktag vorbei gegangen. Willfried, Ferdinand und August traten erschöpft zusammen mit ihren Kollegen den Heimweg an, welcher sie an dem Haus ihres Arbeitgebers vorbeiführte. Die Villa war in einem römischen Stil gehalten, mit vier großen Säulen rechts und links neben dem Eingangsportal. Den gräulich weißen Marmor konnte man schon aus einiger Entfernung regelrecht leuchten sehen, so sehr hob er sich von seinem sonst düsteren Umfeld ab. Eine leise Unruhe machte sich nun bei den Arbeitern bemerkbar. Hier und dort wurde geredet, über die erneute Gehaltsverkürzung oder über die Frau und Kinder, die gerade von den anderen Fabriken heimkamen.

Doch sie alle hatten ihre Blicke auf das Haus gelegt. Die Verachtung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Bei manchen mischte sich auch noch Wut mit in die gegerbten Züge. Einer, der vorne an der Gruppe lief, hob einen schweren Kiesel auf, w og ihn kurz abmessend in der Hand, und schleuderte ihn dann im hohen Bogen auf das Anwesen. Der Wurf, der auf eines der Fenster gezielt war, traf glücklicherweise nur mit dem lauten Geräusch von Stein auf Stein die marmorne Außenmauer.

Die Unruhige Stimmung unter den Arbeitern wuchs. Ein zweiter Mann, der eine schwarze Schaffnermütze trug, machte es dem ersten gleich, sammelte einen handtellergroßen Stein vom Boden auf, und schleuderte ihn auf die Villa. Diesmal erschallte ein lautes Klirren, welches über den ganzen Platz schallte, und allen noch lange in den Ohren nachklang. Ein wütender Aufschrei ertönte von drinnen.

Mittlerweile standen die Arbeiter in ihren zerschundenen Klamotten und dreckigen Schuhen vor dem Anwesen. Ein zugegebenermaßen etwas abstruser Anblick, die nur so vor Dreck strotzenden Arbeiter, im Gegensatz zu diesem sauberen, weißen Gebäude. Nun kam der Hausherr aus der Tür geschritten, hinter ihm sein Sekretär, beide in sauberen, gestärkten Anzügen. Auf dem schlohweißen Haar des Hausherrn, Herrn Wolfgang Dahlke, thronte ein schwarzer Zylinder, eine behandschuhte Hand umfasste den silbernen Knauf eines Spazierstocks.

„Wer von euch niederen Gestalten hat es gewagt, eines meiner Fenster einzuwerfen?!“ Seine laute Stimme hallte über die Köpfe seiner Angestellten, die leisen Gespräche erstarben. Der Mann, der den zweiten Stein geworfen hatte, trat aus der Menge heraus und stellte sich an das untere Ende der kleinen Treppe. „Ich habe den Stein geworfen.“ Sagte er mit leiser, dennoch fester Stimme. Aus dem Augenwinkel nahm er drei Gestalten, die halb hinter der Ecke des Gebäudes standen, wahr.

Ein kurzer Blick sagte ihm, dass es sich um seine Frau mit seiner Tochter und dem gemeinsamen Baby handelte. Doch er ließ sich nicht irritieren und fuhr fort: „Ich habe den Stein geworfen.“ Wiederholte er sich, diesmal so laut, dass jeder ihn verstehen konnte, „Ich habe ihn geworfen, da ich ein höheres Gehalt fordere. Wir arbeiten jeden Tag von früh morgens bis spät in die Nacht, ohne Pause. Es gibt nicht einen, selbst bei den Kindern nicht, der über keinen dauernden Schmerz zu klagen hat. In nur ein paar Monaten muss ich meine sechsjährige Tochter zur Arbeit schicken, da wir sonst verhungern würden. Wir schuften jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung und darüber hinaus, da wir sonst zu wenig Geld bekommen würden. Es ist keine Seltenheit, dass jemand einfach während der Arbeit in Ohnmacht fällt. Das Gehalt was wir bekommen, ist lachhaft. Wir fordern mehr Lohn!“

Ein paar seiner Kollegen wiederholten seinen letzten Satz, voller Hoffnung und Verlangen. Es stiegen immer mehr Stimmen ein und bald rief die ganze Menge in einer Art Sprechgesang „Wir fordern mehr Lohn, wir fordern mehr Lohn!“

Herr Dahlkes Gesicht wurde vor aufsteigender Wut zu einer Grimasse verzerrt. Er versuchte seine Arbeiter zum Schweigen zu bringen, doch der Erfolg blieb aus. Sein Sekretär versuchte ihn, eingeschüchtert von der rufenden Masse, ins Haus zurückzubefördern.

Plötzlich kam von der Seite eine etwas beleibtere Frau an und ging zu einem Mann, ihrem Ehemann wohlgemerkt, hin und versuchte ihn zu beruhigen. Ihr stand Sorge und Furcht im Gesicht. Zur gleichen Zeit klaubte etwas weiter abseits ein Arbeiter mit lustigem, viereckigem Hut ein paar Steine auf. Die Frau legte die Hand auf die Brust ihres Mannes und versuchte, ihn zu beruhigen. „Johann, so sei doch still! Wenn er dich hier bemerkt, wirst du gefeuert. Wir haben eh nur wenig, da brauchen wir alles Geld was wir bekommen können. Komm heim, das Essen steht schon auf dem Tisch und die Kinder warten.“ Doch Johann hörte nicht auf sie. Er rief weiter die Worte, die auch seine Kollegen dem Alten entgegenriefen.

Nun erhob der Mann mit der Schaffnermütze wieder die Stimme: „Siehst du?! Ich bin nicht der Einzige, der diese Gedanken hat,“ mit ausgestrecktem Arm deutete er auf die Menge hinter sich, „Jeder von uns hat Frau und Kinder, welche auch zur Arbeit müssen. Die viele Arbeit macht uns schneller alt und gebrechlich. Wir wollen mehr Lohn, und kürzere Arbeitszeit!“

Da erschallte wieder ein lautes Klirren. Der Mann mit der viereckigen Mütze hatte diesmal geworfen. „Wir wollen mehr Lohn!“ schrie er laut, sodass es über den ganzen Platz hallte. Diesen Moment der Stille nutze der Hausherr aus, um eine Ankündigung zu machen: „Ihr werdet keine Lohnerhöhung bekommen. Und nun geht mir aus den Augen, bevor ich euch feuere!“ Dabei lief sein Gesicht zornesrot an. Mittlerweile hatten sich etwas abseits auf dem Feld kleine Gruppen aus Arbeitern anderer Fabriken gebildet, die sich das ganze Spektakel interessiert anschauten.

Nun wichen einige aus der Menge, die sich um den ersten Steinewerfer gebildet hatte. Sie waren vernünftig und wollten ihre Arbeitsstelle behalten, da sie sonst ihre Wohnung verlieren würden. Nach und nach schlichen sich die meisten weg, wie auch Johann mit seiner Frau, und machten sich auf den Rückweg zu ihren Wohnungen.

Je mehr Leute gingen, desto mehr schrumpfte der Mut der Übrigen, die sich als große Gruppe stark und überlegen gefühlt hatten. Es wurden immer und immer weniger, bis nur noch der Mann mit der Schaffnermütze dastand. Seine Frau wartete immer noch voller Sorge auf ihn, verborgen hinter der Ecke des Anwesens. Als der Mann dort so ganz alleine stand, wich sein Mut schnell und er trollte sich unter den wütenden Blicken seines Arbeitgebers.

Mittlerweile war der Platz leer, auch die anderen Arbeiter sind nachhause gegangen. Ein kleines, fast unmöglich zu erkennendes, aber dennoch zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht verschwand auch Herr Dahlke, mitsamt seines Sekretärs in seinem Haus. Die Rechnung für die beiden zerbrochenen Fenster würde er den Tätern vom Gehalt abziehen.

Keine Gewähr für die zeitliche Richtigkeit der Namen. Alle wurden aus dem Ahnenblatt der Familie Pfitzner entnommen.